3.1 leben online

wie web 2.0 unser leben verändert

Schnelle Mobilfunk- und Internetzugänge sind die Treiber für die Weiterentwicklung des Internets zum Web 2.0. Nicht nur Buch, Post und Telefon werden im Internet abgebildet, sondern auch die vielfältigen wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen der Benutzer. Ähnlich wie die Gesellschaft entwickelt sich dabei auch im Internet neben der großen Gemeinschaft eine Vielzahl von offenen und geschlossenen Interessengruppen. Die Trennung der Internet-Welt von der realen Welt wie Haus, Auto und Konsumgüter wird im Pervasive Computing aufgehoben. Immer größere Teile der Bevölkerung werden immer mehr und länger das Internet für Arbeit und Freizeit nutzen. Web 2.0-Bildung wird zu einem wesentlichen wirtschaftlichen und sozialen Faktor der Gesellschaft.

die web 2.0-evolution

Neue Technologien sind seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert die wesentlichen Treiber für Fortschritt und Wohlstand in unserer Gesellschaft geworden. Der Standort Baden-Württemberg verfügte nicht über wertvolle Bodenschätze, so dass sich in Baden- Württemberg eine noch heute florierende Maschinenbau-Industrie entwickeln konnte. Die Öffentlichkeit als auch die Politik sahen die Computer- und auch Kommunikationsindustrie als Weiterentwicklung der Feinmechanikindustrie. Verständnis konnte man zunächst dafür aufbringen, dass für diese Computergeräte und für die Verwaltung in den Unternehmen Software benötigt wurde. Schwieriger war schon, das Internet in das bestehende Weltbild einzuordnen, und noch schwieriger wird es, die neue Welt, in der die Jugendlichen mit ihren Mobiltelefonen, PCs und Playstations heute agieren, zu verstehen.

Plötzlich sollen nicht Werte wie Nutzen, Kosten und Gewinn sondern Werte wie Spaß, eigenes Gestalten und persönliche Netzwerke wichtig sein. Junge Menschen gründen Firmen basierend auf ihrem Wissen praktisch ohne Kapital und schaffen, wie Google oder MySpace in kürzester Zeit, Firmenwerte, von denen etablierte Firmen mit den besten Beratern aus der traditionellen Geschäftswelt nur träumen können. Der Wert der Firma wird dabei an der Zahl der Kunden und ihrer Bindung an das Unternehmen und nicht am Wert der Investitionen oder der Umsätze gemessen. Nun ist Kundenbindung auch für konventionelle Unternehmen ein wesentlicher Bestandteil des Firmenwertes. Neu ist eigentlich nur, dass andere Faktoren fast keine Rolle mehr spielen. Die neue Web 2.0-Welt bietet nicht nur Chancen im sozialen Umfeld durch Internet-basierende, persönliche Dienste. Es ergeben sich auch vielfältige Möglichkeiten, die Zusammenarbeit nicht nur in Unternehmen, sondern auch im privaten und gesellschaftlichen Umfeld zu verbessern. Das Schlagwort Web 2.0 wurde ähnlich wie das Schlagwort Internet ursprünglich benutzt, um einen neuen Satz von Internet-basierenden technischen Komponenten zu beschreiben. Die Bedeutung wurde anschließend auf Aspekte wie Benutzerverhalten, Infrastruktur, Geschäftsmodelle, Sozialverhalten usw. erweitert. Web 2.0 ist keine Weiterentwicklung des Internets, sondern eine andere Nutzung der vorhandenen Infrastruktur.

aspekte des web 2.0 aus sicht des benutzers

Im Folgenden werden einige Aspekte des Web 2.0 am Beispiel ausgewählter Anwendungen und dem Benutzerverhalten im Vergleich zu konventionellen Internet-(Web 1.0)-Anwendungen aus Sicht des Benutzers beschrieben.

benutzer generieren die inhalte

Im Web 1.0 wurden die Inhalte von Firmen wie konventionelle Produkte erstellt und von den Benutzern meist passiv genutzt. Die Interaktion beschränkte sich in der Regel auf das Ausfüllen von vorgefertigten Formularen, zum Beispiel um Waren zu bestellen. Im Web 2.0 werden die Inhalte weitgehend von den Benutzern selbst erstellt. Typisch für Web 1.0 ist zum Beispiel die Enzyklopädie Microsoft Encarta, während die Enzyklopädie Wikipedia ein typisches Web 2.0-System ist. Bei Wikipedia steht dem Benutzer nicht nur eine Schnittstelle zur Ansicht der Information zur Verfügung, sondern ein vollständiges Online-Autorensystem zur selbständigen Erstellung und Aktualisierung der Information. Ein ethisches Regelwerk sorgt für geordnete Nutzung und hohe Qualität der Enzyklopädie. Wikipedia nutzt die Web 2.0-Technik Wiki. Ähnlich ist im Mediabereich Apple iTunes ein typisches Web 1.0-Angebot mit kommerziell erstellten Inhalten, während bei YouTube Inhalte vor allem von den Benutzern erstellt werden. Ein großer Teil der aktuellen Information wird heute in Blogs meist von den Benutzern aber auch von kommerziellen Medienunternehmen erstellt und verteilt. Im Gegensatz zur E-Mail können Benutzer Blogs selektieren, die Inhalte filtern und auch aggregieren wie zum Beispiel aktuelle Berichte über eine Firma oder ein spezielles Produkt aus allen Blogs der Welt in einem Blog zusammenfassen. Blogs benutzen eine sehr einfache Form der XML-Technologie, um Nachrichten und Dokumente logisch und nicht nur als formatierten HTML-Text – wie bisher im Web 1.0 üblich – darzustellen.

zugriff zu anwendungen wird unabhängig von zeit und raum

Web 2.0-Benutzer können über mehrere und verschiedene Endgeräte – wie zum Beispiel mehrere PCs (im Unternehmen und zu Hause) aber auch Mobiltelefone, Fernsehgeräte, Spielkonsolen oder Kommunikationsanlagen im Auto – auf ihre Informationen und Anwendungen im Web zugreifen. Web 2.0-Websites bieten meist unterschiedliche und optimierte Benutzerschnittstellen für PCs und andere Geräte an. Dabei wird nicht nur die grafische Gestaltung, sondern auch der Inhalt und die Navigation an die Fähigkeiten des Geräts angepasst. Mobiltelefone wie beispielsweise das iPhone von Apple werden nicht nur von Geschäftsleuten, sondern auch von privaten Benutzern im Internet genutzt. Web 2.0-Anwendungen sind nicht mehr an einen statischen Arbeitsplatz mit Tisch und PC gebunden. Bei multimodalen Web 2.0-Sites werden anders als bei Web 1.0-Sites die Information (häufig im XML-Format), die grafische Darstellung und die Interaktion und Navigation streng getrennt. Damit kann man Benutzerschnittstellen sowohl für bestimmte Geräte aber auch für Benutzer mit geringer Komplexitätsakzeptanz oder Behinderungen automatisch generieren.

inhalte und webseiten werden für und vom benutzer personalisiert

Während bei Web 1.0-Anwendungen für alle Benutzer die gleichen Webseiten angezeigt wurden, werden bei typischen Web 2.0-Anwendungen die Webseiten und ihre Inhalte auch durch den Benutzer an seine Bedürfnisse angepasst (Abb.1).

iGoogle Portal

Abb.1: Personalisierte iGoogle-Portal-Seite (Bildquelle: iGoogle)

Eine Web 2.0-Online-Zeitung wie die New York Times erlaubt dem Benutzer, Themengebiete aus dem Angebot der Zeitung auszuwählen und täglich eine individuell für ihn zusammengestellte Zeitung (My Times) automatisch zu beziehen. Es werden sogar Informationen für Kinder gemäß Klassenstufen angezeigt! Im iGoogle-Portal können Benutzer sich ihre Webseiten aus vorhandenen Bausteinen, den Gadgets, selbst gestalten. Google stellt dabei nur die Technologieplattform und einzelne Gadgets bereit. Der Großteil der Gadgets wird von den Benutzern oder Firmen selbst erstellt. Eine personalisierte Seite kann man selbst in wenigen Minuten zusammenstellen. Der Hauptaufwand besteht darin, geeignete Gadgets auszuwählen und zu personalisieren, indem man Daten – zum Beispiel Berlin als Ort für die Klimaanzeige oder die Sprachen für die gewünschte Übersetzung – auswählt. Google und New York Times benutzen die Web 2.0- Technologie Web 2.0-Portal, mit der personalisierte Websites ohne Programmierung erstellt werden können. Alle großen Software-Anbieter aber auch kleinere Firmen und Non-Profit-Organisationen bieten Web 2.0-Portale an, um die Erstellung personalisierter Benutzerschnittstellen zu erleichtern.

benutzer haben eine oder mehrere identitäten im internet

Während der typische Surfer im Web 1.0 auf Webseiten ohne Anmeldung (Login) anonym zugreifen konnte, muss man sich für personalisierte Seiten im Web 2.0 anmelden. Man kann ja keine personalisierten Dienste anbieten, ohne den Benutzer zu kennen. Für den Dienste-Anbieter hat das den unschätzbaren Vorteil, dass der Benutzer und seine Präferenzen bekannt sind. Dies kann man unter anderem dazu benutzen, die eigenen Angebote zu optimieren oder – wie häufig üblich – gezielte Werbung anzubieten. Der Benutzer hat in der Regel mehrere persönliche Identitäten wie beispielsweise als Arbeitnehmer, als Privatperson oder als Bürger, aber auch mehrere anonyme Identitäten für beispielsweise Versteigerungen, Spiele oder Blogs und Konferenzbeiträge. Das hat aber den wesentlichen Nachteil, dass selbst wenig aktive Web 2.0-Benutzer meist mehrere Identitäten und mehr als ein Dutzend Benutzernamen und Kennworte kennen und verwalten müssen. Dies ist im Moment eines der wesentlichen Hindernisse, Akzeptanz von Web 2.0-Anwendungen speziell bei älteren Internetbenutzern zu finden. Dieses Problem könnte durch eine allgemein benutzbare Identität ähnlich wie Single Sign-On in Firmen gelöst werden. Technische und rechtliche Hürden werden eine akzeptable Lösung aber sicher noch mehrere Jahre verzögern. Web 2.0-Anwendungen benötigen leistungsfähige Sicherheitssysteme, um sowohl den Zugriff der Benutzer, als auch die Verwaltung der Systeme sehr granular zu gestalten. Bei Web 1.0-Anwendungen ist dagegen eine strikte Trennung von Benutzern, Inhalterstellern und Administratoren typisch.

benutzer bilden gruppen und soziale netzwerke

Die Unterstützung von Gruppen und Netzwerken im Web 2.0 hat wahrscheinlich den größten Einfluss auf die Art und Weise, wie das Internet in Zukunft genutzt wird. In Unternehmen wird die Bildung von Gruppen mit gemeinsamen Ablagen, Web Meetings und Kommunikation schon länger eingesetzt. Im IBM Research Labor, Yorktown Heights wurde bereits 1978 eine Gruppenumgebung mit Speichern und Anwendungen (Virtuelle Maschinen), Gruppenkommunikation (E-Mail, Instant Messaging, integrierte Telefonie) sowie eMeetings und eLearning, zum Beispiel mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), genutzt. Allerdings kostete ein Arbeitsplatz damals etwa 200.000 US-Dollar im Jahr! Die am weitesten verbreitete Groupware Lotus Notes von IBM wird heute von 128 Millionen Menschen weltweit benutzt. Das System bildet ein Unternehmen, seine Organisationsstrukturen und den Bürobetrieb des Unternehmens in einem lokalen Netz ab und unterstützt einfache Formen der Selbstorganisation in Projekten und Teams. Die Mitarbeiter und Gruppen in den Unternehmen sind jedoch von anderen Unternehmen abgeschottet und können nur über E-Mail mit der Außenwelt kommunizieren.

Web 2.0-Anwendungen wie Covisint erlauben im Gegensatz dazu die Bildung von Gruppen über Unternehmens- und Landesgrenzen hinweg. Auch private Benutzer können meist kostenlos Gruppen gründen und Daten und Applikationen sowie vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten gemeinsam nutzen. Gruppenmitglieder können sich zum Beispiel über E-Mail, SMS oder Blogs benachrichtigen lassen, wenn wichtige Termine oder Dokumente geändert werden oder – was meist für Jugendliche wichtiger ist – sich in der Gruppe auch mit Sprache unterhalten. Mit Betriebskosten von 6 Euro/Monat kann man heute eine professionelle und mit 99,5 Prozent verfügbare Web 2.0- Plattform für hundert Teilnehmer zum Beispiel für eine kleine Firma oder einen Verein als Hosted Service mieten.

Inzwischen nutzen auch Nachrichtendienste (wie z.B. Focus) Systeme wie Twitter, um kurze Nachrichten über SMS zu verteilen. Mit Twitter Vision kann man den weltweiten Twitter Nachrichtenverkehr, der noch weitgehend von Freaks dominiert wird, auf einer Weltkarte verfolgen. Twitter kann auch über eine Sprachschnittstelle – zum Beispiel im Auto – bedient werden.

In ganz andere Dimensionen der Interaktion mit Gruppen kommt man bei Online-Spielen wie World of Warcraft, über das man sich am besten über User Foren informieren kann. Second Life ist nur eine, aber wahrscheinlich die extern bekannteste von vielen virtuellen Welten, in denen die Besucher ganz wie im richtigen Leben ihren Tätigkeiten nachgehen und auch mit Sprache miteinander kommunizieren können. Die Datenströme solcher interaktiver Spiele erfordern heute riesige Rechnersysteme, die, zudem noch anders als Forschungsrechner, ununterbrochen verfügbar sein müssen.

die reale welt wird mit der virtuellen welt des web 2.0 verbunden

Die reale Welt der Dinge und die virtuelle Welt des Web waren bisher für den typischen Web- Benutzer streng getrennt. Allenfalls konnte man die reale Welt mit Webcams besichtigen. Im Web 2.0 wird auch die reale Welt in das Internet eingebunden. Im dünn besiedelten Finnland sind viele Haussprech- und Schließanlagen schon seit Jahren vom Mobiltelefon oder vom Arbeitsplatz-PC aus zu bedienen. Damit kann auch bei Abwesenheit der Bewohner der Postbote die im Internet bestellten Pakete sicher deponieren oder ein Handwerker das Haus betreten. Mit Diensten wie Jaiku kann man sehen, wo sich Freunde mit ihrem Mobiltelefon oder ihrem Auto gerade aufhalten und was sie gerade vorhaben, um sich an einem für alle günstigen Ort zu treffen. „Seriöse“ Internetbenutzer werden diese Technologie im privaten Bereich zunächst ablehnen. Wenn man jedoch damit am Bildschirm zu Hause sehen kann, wann der Schulbus mit den Kindern ankommt, könnte das durchaus eine Überlegung wert sein, diese Technik zu nutzen. Ortsbezogene Werbung (location based services) oder auch Dienste wie Steuerung der Raumtemperatur im Haus abhängig von der Entfernung der Bewohner lassen sich damit realisieren. Damit kann man speziell im Immobilien-Bestand weit größere Einsparungen beim Energieverbrauch schnel ler und mit geringeren Investitionen erzielen als mit aufwändigen Baumaßnahmen und alternativen Energien. Ob sich allerdings die Idee durchsetzt, die Benutzerschnittstelle zum intelligenten Haus der realen Welt in der virtuellen Welt zum Beispiel in Second Life nachzubilden, wird sich zeigen (Abb.2).

Second Life

Abb.2: Bankfiliale in Second Life (Deutsche Bank) (Bildquelle: Second Life)

Die pfiffigsten intelligenten Häuser findet man übrigens nicht bei Universitäten oder Milliardären in den USA, sondern weltweit in Privathäusern von Softwareentwicklern. Die Zahl der Benutzer, die ihre Stehlampe in Second Life anmachen wollen, wird sich jedoch wohl in Grenzen halten. Es kann jedoch durchaus Sinn machen, dass sich Angehörige von älteren Menschen über das Internet darüber informieren können, ob im Haus noch alles in Ordnung ist. Dazu muss man keine indiskrete Webkamera installieren – auch die Anzeige des Stromverbrauchs einiger Geräte im Haus ist bereits ein guter Indikator. Die Technik hierfür kann dank drahtloser Datenübertragung einfach installiert werden. „Ambient Assisted Living“ kann vorteilhaft in vielen Bereichen der sozialen Dienste und Pflege sowie deren Organisation eingesetzt werden, um nicht nur die Lebensqualität der älteren Menschen, sondern auch die der pflegenden Familienmitglieder und Pflegekräfte zu erhöhen. Der Verkauf, die Installation, der Umgang und der Service immer komplexerer Hausgeräte wird nur effizient möglich sein, wenn es gelingt, ähnliche Konzepte der Fernwartung, wie sie bei Großsystemen und bei PCs heute üblich sind, auch bei Haushaltsgeräten einzuführen. Wie schwierig es ist, solche IT-Konzepte bei Millionen von Geräten fehlerfrei umzusetzen, müssen die Mobilfunkkunden aber auch iPhone-Kunden des IT-Profis Apple häufig beim Software-Update ihrer Geräte erfahren.

innovation im web 2.0

Da Web 2.0 keine grundlegend neue Technologie erfordert und selbst neue Betriebsformen – wie das für den Betrieb großer Online-Service- Netze mit tausenden im Netz verteilten Online-Rechnern notwendige Cloud Computing – aus vorhandenen Bausteinen zusammengesetzt werden, erfolgt die Entwicklung des Web 2.0 organisch aus kleinen Ideen und Prototyp-Systemen heraus. Große Firmen oder Universitäten mit vielen Mitarbeitern und großen Geldmitteln sind anders als bei vielen anderen Innovationen nicht in einer besseren Startposition als einige clevere Spezialisten, die eine pfiffige Idee schnell und unbürokratisch umsetzen können. Ähnlich wurde auch die heute dominierende IT-Landschaft durch den Personal Computer geprägt. Die PCs kamen damals durch die Kinderzimmer in die Chefetagen der Firmen. An Universitäten wurden zwar die Grundlagen von Web 2.0 vor etwa 20 bis 30 Jahren entwickelt, in der aktuellen Web 2.0- Szene spielen jedoch Universitäten allenfalls als Lieferanten von cleveren Studienabbrechern für die neuen Erfolgsfirmen eine Rolle.

Die heute in der Wirtschaft und Politik üblichen Formen der Innovationsforschung und Innovationsförderung sind bei dieser „Bottom up“-Innovation nicht anwendbar. Ein Wirtschaftsführer kann wahrscheinlich in einem Gespräch mit seinen Kindern mehr über Web 2.0-Technologien und deren soziale Auswirkungen erfahren als durch eine Beratung großer Consulting Firmen oder durch Besuch eines Innovationsseminars an einer Eliteuniversität. Dazu kommt, dass die meisten Firmen die Mitwirkung ihrer kreativen Mitarbeiter in geschlossenen Innovationsnetzwerken, in denen alle Mitglieder aktiv Beiträge leisten müssen, nicht gerne sehen und diese Mitarbeiter damit nicht auf dem höchsten Stand der Technik sein können. Dies führt unter anderem dazu, dass die meisten großen Firmen Innovationen in Form von kleinen Firmen zukaufen und nicht mehr selbst entwickeln. In der IT-Industrie ist das seit langem üblich. Diese Tendenz wird zunehmend auch in traditionellen Industrien sichtbar.

chancen und risiken

Die Beherrschung und Durchdringung der Web 2.0-Techniken wird für jede global agierende Hochtechnologieregion zu einer Schlüsselqualifikation. Obwohl in Deutschland 68 Prozent selbst der 50- bis 60-Jährigen das Internet nutzen (Quelle: Forschungsgruppe Wahlen 3Q 2007), sind fast alle Web 2.0-Benutzer jünger als 40 Jahre. Das liegt sicher an mangelnden attraktiven Angeboten für Ältere aber auch an fehlenden Kenntnissen im Umgang mit der neuen Technik und deren Organisationsformen (Abb.3).

Während die SWR-Hörfunksendung „Das Ding“ schon seit Jahren fast alle bekannten Web 2.0-Techniken für Dienstleistungen und Beteiligung ihrer jugendlichen Kunden bis zu 14 Jahren einsetzt, bietet die Stuttgarter Zeitung ihrer älteren Leserschaft erst seit neuestem einige limitierte Online-Dienste und -Foren an, obwohl sie einen recht guten Technologie-Informationsdienst für Privatpersonen pflegt. Praktische Mitarbeiterschulungen oder VHS-IT-Kurse zum Erlernen der Web 2.0-Techniken findet man in Baden-Württemberg noch selten. Web 2.0-Techniken wären für Schüler und Lehrer eigentlich ideal, um den eigentlichen Unterricht vorzubereiten und zu ergänzen. Da alle Anwendungen und Daten im Netz verfügbar sind und fast alle Schüler zu Hause PCs und schnellere Internetanschlüsse als in der Schule haben, kann man auf die Anschaffung und den Transport von Laptops in den Schulranzen verzichten. Auch die Betreungslehrer, die an der Schule in einer recht komplexen IT-Landschaft gegen Hardware, Software und veraltete Netztechnik kämpfen, könnten entscheidend entlastet werden.

Wie alle neuen Dinge kann auch das Web 2.0 eine unheimliche Faszination ausüben. Jugendliche in Deutschland sind oft zwischen vier bis zu elf Stunden online. In Südkorea werden auffällige Jugendliche (Spitzenreiter mit bis zu 17 Online-Stunden am Tag!) bereits zu Entziehungskuren und Schulungskursen geschickt. Man sollte aber nicht vergessen, dass auch Erwachsene mehr als elf Stunden im Auto, Büro und zu Hause mit Telefon und PC online sind und im Mittel eine E-Mail in weniger als zwei Minuten beantworten. Auch hier können nur Schulung, Erziehung und gute Vorbilder helfen.

Altersverteilung der Benutzer

Abb.3: Altersverteilung der Benutzer einer typischen Web 2.0-Anwendung (Bildquelle: Hugo E. Martin, Oktober 2007)

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